Die digitale Transformation hat Einzug im Laufsport gehalten, das wir vor allem im Bereich der Datenflut deutlich. Jeder Läufer generiert mit jedem seiner Läufer eine unheimliche Flut an Daten. Braucht es das wirklich? 

 

Sonntag 29. Oktober 2018: Tausende von Teilnehmern stehen dicht gedrängt an der Startlinie des 37. Frankfurt Marathons. Punkt 10 Uhr erfolgt der Startschuss und egal ob Profiläufer oder Hobbyläufer alle eint ein Blick und ein Klick und dieser geht an den Arm an das Wearable oder das Smartphone um die Aufnahme der Laufaktivität zu starten. Beim einigen Läufern sind es nur GPS Daten die gesammelt werden, bei anderen ist es eine reine Zeitnahme, bei den meisten Läufern ist es jedoch ein umfassendes Datenpaket aus GPS Daten, Herzfrequenzdaten, Zielzeitanalysen… Auch ich stehe mittendrin und drücke Punkt 10 Uhr auf meine Smartwatch.

Der Absatz von Wearables boomt

Innerhalb von 3 Jahren hat sich der Absatz von Wearables also Geräten wie Smartwatches, Sport Uhren, Fitnessarmbändern, kurz um Geräte, die am Körper getragen werden und die über Sensoren Daten generieren laut Statista mehr als verdreifacht. Das Marktforschungsunternehmen IDC geht bis ins Jahr 2022 von einer Wachstumsrate von 11 Prozent aus. Laut Garner soll 2019 der Markt an Wearables sogar um 26 Prozent steigen. Alle Studien haben somit eins gemeinsam, sie zeigen, dass der Markt deutlich wächst, egal in welchem Umfang genau und alle generieren sie eine unheimliche Vielzahl an Daten, nun mal Big Data. Logische Konsequenz davon ist, dass auch die Laufapps einen erhöhten Zulauf verzeichnen, da Wearables ohne Apps, die die gewonnen Daten auswerten, nutzlos sind. Urs Weber eine Laufexperte des Magazins „Runnersworld“ sieht hier eine große Chance in der Vernetzung unterschiedlicher Apps, da es seiner Meinung nach eher zu viele gute als zu wenige Laufapps gibt.

Polar bringt neues Flaggschiff auf den Markt

Polar als einer der Markführer von Wearables im Bereich Running hat Ende 2018 sein neues Flaggschiff auf den Markt gebracht, die Polar Vantage V. An dieser wird deutlich, dass immer weitere Features in diese Geräte gepackt werden und immer mehr Daten erfasst werden, zu den bislang üblichen Daten wie z.B. GPS Koordinaten (Strecke, Geschwindigkeit, Positionsangaben), Herzfrequenz oder auch der Höhenmeter. So war bis vor einiger Zeit die Wattmessung den Radfahrern vorbehalten, so misst diese Uhr nun auch diese für Läufer. Laut dem Magazin „Triathlon“ stellt dies ein Quantensprung im Laufsport dar. Andere Hersteller werden vermutlich nachziehen bzw. auch neue Innovationen auf den Markt werfen, die alle einen gemeinsamen Nenner haben: bessere Datenqualität und neue Features.

Die Selbstvermessung des Läufers

Doch wer sind die Nutzer von Wearables? Arne Tensfeldt – ein Mitgebrüder der deutschen Quantified-Self-Bewegung – sieht nicht den klassischen Technikfreak als Nutzer von Wearables, sondern eine viel größere Gruppe von Schülern, über Studenten bis hin zu Ärzten, Angestellten und Selbstständigen. Dies stellt einen Querschnitt unserer Gesellschaft dar. Jeder dieser Nutzer hat eine individuelle Zielsetzung, warum er oder sie Daten über die Läufe durch ein Wearable sammelt. Bei der entscheidenden Frage, ob die subjektive Wahrnehmung dann überhaupt noch eine Rolle spielt, antwortete Arne Tensfeld: „Die subjektive Wahrnehmung wird quasi über die Datenbasis einem Realitätscheck unterzogen.“ 

Datenschutz als entscheidender Faktor

Welchen Preis wir für diesen Realitätscheck zahlen bleibt fraglich. Durch die unheimliche Menge an Daten machen wir uns als Läufer natürlich sehr attraktiv für Unternehmen, die genau diese Daten nutzen um uns konkrete Produktangebote zu präsentieren oder Bewegungsprotokolle zu erstellen. Wie einzelne Anbieter mit dem Thema Datenschutz und Datennutzung verfahren, bleibt im Dunkeln. Doch eines ist klar, die Daten werden genutzt und jeder Läufer muss sich selbst die Frage stellen, ob er seine Daten preisgibt oder ob doch lieber mal ohne digitale Hilfsmittel auf die Laufstrecke geht. Persönlich sehe ich die Daten aus den Läufen weniger kritisch, da durch einen Waldlauf eher weniger Nutzen gezogen werden kann, außer dass ich im Anschluss in Facebook neue Trailschuhe angeboten bekomme. Größeres Thema ist vielmehr, dass die Wearables vor allem im Alltag getragen werden und wir somit zum gläsernen Menschen werden, der immer und überall getrackt werden kann, daher bleibt meine Uhr in der Wohnung zurück.

Der Datenmarathon nach jedem Lauf – ein Selbstversuch

Werfen wir nun einen Blick auf einen „klassischen“ Hobbyläufer und stellen kritisch die Frage, ob es diese Datenflut von jedem Lauf braucht? Aus meiner persönlichen Perspektive nutze ich auch eine Smartwatch um meine Läufe zu tracken und diese digital auswerten zu können. Über eine Analyse der Strecke, des Tempos geht es oftmals bei mir nicht hinaus, also ein reines digitales Trainingstagebuch. Zusatzfeatures wie die Prognose der Wettkampfergenbisse auf Basis meiner Trainingsdaten nutze ich sporadisch. Mir persönlich ist es jedoch wichtiger Zeit auf der Laufstrecke zu verbringen und zu trainieren, als im Anschluss daran detaillierte Auswertung zu fahren. Zugeben muss ich aber auch, dass ich mich selbst schon dabei ertappt habe, stundenlange in die Auswertung der Daten nach einem Marathon mich zu vertiefen. So auch beim Frankfurt Marathon.

Meine Daten vom Frankfurt Marathon 2018

Aber hier ist wie überall ein gesundes Mittelmaß der Weg und ich genieße es auch mal einen Lauf ohne digitale Hilfsmittel zu machen und mich völlig auf mein Körpergefühl zu verlassen und Google & Co. nicht mitzuteilen, wo ich mich momentan befinde und was ich momentan tue.

Kommen wir wieder zurück zum Frankfurt Marathon und auch hier eint die Läufer wieder eines beim Zieleinlauf, der Blick und der Klick auf das Wearable oder das Smartphone beim Übertreten der Ziellinie. Doch der Datenmarathon geht für die Läufer erst los, wenn sie sich müde und erschöpft nach dem Lauf an ihre Rechner setzen und die Vielzahl der gewonnen Daten auswerten, jeder mit einer individuellen Zielsetzung. 

Euer DIGITALRUNNER

Schreibe einen Kommentar